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Umweltgerechtigkeit

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Kinder brauchen Grün!Foto: Tomsickova/Adobe Stock Vor allem Kinder brauchen Grünflächen vor der Haustür.

Es ist so deutlich wie erschreckend: Men­schen, die in diesem Land über ein geringes Einkommen verfügen, leben oft in Stadtgebieten, in denen sie Umweltbelastungen stärker ausgesetzt sind als andere. Sie leiden etwa wesentlich mehr unter Verkehrslärm oder Luftschadstoffen. Kein Wunder, dort, wo es wenig Grün gibt, wo viele Autos fahren oder Industrieanlagen ihre Abgase in die Luft pusten, sind die Mietpreise meist günstiger als am grünen Stadtrand. In zahlreichen Studien konnte der Zusammenhang zwi­schen sozialem Status und gesundheitsschädlichen Umweltbelastungen nachgewiesen werden.

Wenig Grün bei wenig Geld

Zur ungerechten Verteilung von Umweltbelastungen kommt der schlechtere Zugang zu wohnortnahen Grünflächen. Nach Empfehlung der Europäischen Umweltagentur sollte von jedem Punkt in einer Stadt eine Grünanlage nicht mehr als 300 m entfernt sein. Denn ein hoher Grünanteil hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen. Grünräume sind wichtig für die physische und psychische Gesundheit, fördern u.a. den sozialen Frieden und ermöglichen Kindern Naturerlebnisse.

„Dabei ist der Bedarf an Grünflächen in sozial benachteiligten Stadtteilen grund­sätzlich höher, denn der geringere Anteil an privaten Grünflächen erfordert einen Ausgleich durch öffentliches Grün“, beschreibt es das Bundesumweltminis­terium im „Grünbuch Stadtgrün“ – auch weil die Bewohner dort weniger mobil sind und sich zudem häufiger in ihrem direkten Wohnumfeld aufhalten.

Ein Leitbild ohne Wirkung

Unter dem Leitbild der „Umweltgerechtigkeit“ versucht man, dem ungleichen Zugang zu Stadtgrün und der ungleichen Verteilung von Umweltbelastungen entgegenzuwirken. Trotz zahlreicher Lippenbekenntnisse, Tagungen und Stu­dien spielt die Frage, welche Bevölkerungsgruppen wie viel Grün in der Nähe ihrer Wohnungen haben und wie stark sie Umweltbelastungen ausgesetzt sind, in der Stadtplanung bislang keine Rolle.

Im Rahmen der „Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption“ wurden z.B. erstmals Untersuchungen zu Umweltbelastungen in einzelnen Stadtteilen durchgeführt, u.a. in den Bereichen Lärm, Luftbelastung oder Grünflächenversorgung. In der dazu veröffentlichten Broschüre heißt es im Vorwort der Umweltsenatorin Regine Günther (Die Grünen): „Die Landesregierung sieht es als eine wesentliche Herausforderung an, durch umweltpolitische Strategien und Maßnahmen dafür zu sorgen, dass die Luft besser und der Lärm weniger wird und Grünflächen und Parks für alle zugänglich sind.“ – eine Aussage, die im Widerspruch zum „Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030“ steht. 

In ihm wird auch die Inanspruchnahme von Kleingartenflächen zur Bebauung vorgesehen. Dabei sind es gerade die Kleingärten, die in vielen Ballungsräumen überhaupt erst für Umweltgerechtigkeit sorgen. Laut der Studie „Klein­gärten im Wandel“ sind in Großstädten 95 % der Anlagen für die Öffentlichkeit zugänglich, und oftmals liegen sie in sozial benachteiligten Vierteln.

In Berlin sind laut dem „Basisbericht Umweltgerechtigkeit“ vor allem die Gebiete innerhalb des S-Bahn-Rings gleich mehrfach belastet. Eine Verdrängung der Kleingärten aus diesem Bereich würde die Gesundheitsbelastungen der Menschen dort deutlich erhöhen.

Das Problem verschärft sich

Schon in der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ der Bundesregierung aus dem Jahr 2007 wurde angekündigt, bis 2020 die „Durchgrünung der Siedlungen einschließlich des wohnumfeldnahen Grüns“ deutlich zu erhöhen. Auch im „Masterplan Stadtnatur“ aus dem Juni 2019 kündigt sie an, einen Beitrag zur Umweltgerechtigkeit leisten zu wollen, etwa bundeseinheitliche Orientierungswerte für die „Grünausstattung“ zu erarbeiten.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Ankündigungen in der Praxis ihre Wirkung entfalten werden. Es sieht eher danach aus, dass die Umweltungerechtigkeit sich weiter verschärfen wird, denn die Auswirkungen des Klimawandels, wie Hitzeperioden, werden sich in Stadtteilen mit wenig Grün stärker bemerkbar machen. Hohe Umweltbelastungen und soziale Problemlagen können sich so in einzelnen Gebieten konzentrieren. Den Wert der Kleingärten für die Umweltgerechtigkeit zu berücksichtigen, wäre ein erster Schritt, dem entgegenzuwirken.

Sören Keller
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