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Auf die Unterlage kommt es an

Die unterschätzte Hälfte

Auf die Unterlage kommt es anFoto: Lassi M/Adobe Stock Halbstämme, Spindeln oder Säulen eignen sich für Kleingarten.

Ob klein oder groß, früh- oder spätreif, robust oder empfindlich, wie sich ein Obstbaum entwickelt, hängt maßgeblich von seiner Unterlage ab. Wer im Herbst einen Apfel- oder Kirschbaum kauft, achtet meist vor allem auf die Sorte, wie etwa ‘Boskoop’ oder ‘Elstar’. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch eine zweite Angabe auf dem Pflanzenetikett: die Unterlage. Denn kaum ein Obstbaum wächst auf eigenen Wurzeln. Fast alle Sorten werden in der Baumschule veredelt.

Das heißt, ein Trieb der gewünschten Sorte (Edelreis) wird auf die Wurzel einer anderen Pflanze, die Unterlage, aufgesetzt. Beide wachsen zu einem Baum zusammen. Das Edelreis bestimmt den Wuchs der Krone sowie Frucht und Geschmack. Die Unterlage beeinflusst, wie kräftig, wie hoch, wie widerstandsfähig und wie langlebig der Baum wird. Eine passende Unterlage kann einen Baum aber auch widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Trockenheit oder nasse Böden machen.

Das Edelreis und die Unterlage werden miteinander verbunden.Foto: Natalia/Adobe Stock Das Edelreis und die Unterlage werden miteinander verbunden.

Warum überhaupt veredeln?

Obstsorten lassen sich über Samen nicht sortenecht vermehren. Ziehen Sie aus dem Kern Ihres Lieblingsapfels selbst einen Baum, erhält dieser andere Eigenschaften als die Mutterpflanze, eine völlig neue, unbekannte Sorte entsteht. Nur durch Veredelung lässt sich eine Sorte über Jahrzehnte hinweg erhalten. Veredelte Bäume tragen zudem meist deutlich früher Früchte als aus Samen gezogene Pflanzen. Alte Obstbäume können bei Bedarf per Umveredelung auch mit einer anderen Sorte versehen werden.

Kompaktwachsende ObstbäumeFoto: FloraPress/Botanical Images Kompaktwachsende Obstbäume lassen sich gut beernten.

Kompakte Bäume

Für die meisten Kleingärten eignen sich schwach bis mittelstark wachsende Unterlagen. Sie liefern kompakte Bäume, die früh tragen und sich leicht pflegen lassen. Am Ende lohnt sich der Blick aufs Etikett gleich doppelt: Sortenname und Unterlage zusammen verraten, welcher Baum tatsächlich im Garten heranwächst.

Kaufen oder selbst veredeln

Damit Edelreis und Unterlage zu einem Baum zusammenwachsen, verbindet der Gärtner beide Pflanzenteile so miteinander, dass ihre wasser- und nährstoffleitenden Schichten direkt aufeinandertreffen. Im Winter wird meist ein kurzes Reis der gewünschten Sorte schräg angeschnitten und mit der ebenso angeschnittenen Unterlage verbunden (Kopulation). Im Sommer okuliert der Gärtner häufig so, dass er nur eine einzelne Knospe der Sorte unter die Rinde der Unterlage setzt. Beide Techniken erfordern Erfahrung. Der Kauf eines fertig veredelten Baumes aus der Baumschule ist für Kleingärtner meist die einfachere Wahl.

 

Welche Pflanzen sich veredeln lassen

Veredelung ist vor allem aus dem Obstbau bekannt: Apfel, ­Birne, Kirsche, Pflaume, Zwetsche, Pfirsich und auch Wein­reben zählen zu den Klassikern.
Doch auch andere Pflanzengruppen profitieren davon. Bei ­Zitruspflanzen lassen sich über die Unterlage gezielt positive Eigenschaften wie Wuchskraft oder Widerstandsfähigkeit ­hervorheben. Im Gemüsegarten werden vor allem Gurken, ­Auberginen und Tomaten veredelt, etwa um sie robuster ­gegen bodenbürtige Krankheiten zu machen. Bei den Zierpflanzen ist die Rose bekannteste veredelte Art.

 

Mehr als nur Wurzelwerk

Die Unterlage bildet das Wurzelsystem des späteren Baumes und versorgt ihn mit Wasser und Nährstoffen. Darüber hinaus steuert sie entscheidende Eigenschaften:

Wuchsstärke: Ob ein Baum klein und kompakt bleibt oder zu einem Hochstamm heranwächst, entscheidet sich vor allem über die Unterlage.

Ertragsbeginn und -menge: Schwach wachsende Unterlagen bringen Bäume oft schon nach zwei bis drei Jahren zum ersten Fruchten, stark wachsende Unterlagen brauchen dafür deutlich länger.
Standfestigkeit und Lebensdauer: Kräftige Wurzelsysteme halten mehr aus, lassen den Baum aber auch größer wachsen und sind daher aufwendiger in der Pflege.

Bodenanpassung: Manche Unterlagen vertragen Kalk, Staunässe oder Trockenheit besser als andere und eignen sich damit auch für schwierigere Standorte.

Wichtig zu wissen: Eine schwach wachsende Unterlage bildet auch nur ein kleines, wenig verzweigtes Wurzelsystem. Solche Bäume brauchen deshalb meist dauerhaft einen Stützpfahl, da sie sonst bei Wind oder unter Fruchtlast kippen können.

VeredelungsstelleFoto: Flora Press/Biosphoto Gut erkennbare Veredelungsstelle. Austriebe aus der unterlage entfernen Sie einfach.

Vom Zwerg bis zum Hochstamm

Je nach gewählter Unterlage und Erziehungsform ergeben sich ganz unterschiedliche Formen:

Hochstamm: veredelt auf stark wachsende Unterlagen, Stammhöhe ab 1,80 m, wird 6–10 m hoch, sehr langlebig, trägt aber erst nach einigen Jahren. Das ist ideal für die Streuobstwiese, aber ungeeignet für Kleingärten.

Halbstamm: auf starken Unterlagen veredelt, Stammhöhe ca. 1,20 m.

Busch bzw. Spindel: auf schwach bis mittelstark wachsen­den Unterlagen, Stammhöhe ca. 60 cm, Endgröße 2–6 m, früher Ertrag, gut geeignet für den Kleingarten.

Zwergbaum oder Säule: auf sehr schwach wachsenden Unterlagen, Stammhöhe 30–50 cm, ideal für Kübel und Terrasse. Auch Säulenäpfel beanspruchen wenig Platz, da sie extrem schlank in die Höhe wachsen, mit nur einem Mitteltrieb und kurzem Fruchtholz.

Praxisbeispiel ‘Elstar’

Wie stark sich die Unterlage auf den späteren Wuchs auswirkt, zeigt ein Vergleich am Beispiel der Apfelsorte ‘Elstar’. Veredelt auf die schwach wachsende Unterlage M9 wird der Baum etwa 2–3 m groß, trägt früh Früchte und lässt sich leicht schneiden. Das ist ideal für Kleingärten, allerdings braucht der Baum dauerhaft einen Stützpfahl.

Auf einer Sämlingsunterlage wird aus derselben Sorte dagegen ein 6–10 m hoher Baum, der erst später zu tragen beginnt, dafür aber langlebig, robust und ohne Stütze standfest ist. Er benötigt aber viel Platz und regelmäßigen Schnitt.

Die Sorte ‘Elstar’ bleibt in beiden Fällen dieselbe. Das Edelreis bestimmt überwiegend die Sorte und Fruchtqualität, die Unterlage bestimmt maßgeblich Wuchs, Ertragseintritt, Standortverträglichkeit, Gesundheit und Lebensdauer.

Unterlagen von speziellen Baumschulen kaufenFoto: Katarzyna/Adobe Stock Auch Kleingärtner können Unterlagen von speziellen Baumschulen kaufen.

Die wichtigsten Unterlagen

Für die gängigsten Obstarten stehen jeweils mehrere Unterlagen mit unterschiedlicher Wuchsstärke zur Verfügung. Beim Apfel reicht die Bandbreite von M27, die sehr schwach wächst und daher auch für die Topfkultur infrage kommt, über M9 (schwach) und M26 (schwach bis mittelschwach) als Standard für Klein- und Hausgärten bis hin zu MM106 (mittelstark), MM111 (mittelstark bis stark) und starkwüchsigen Sämlingsunterlagen für Hochstämme.

Bei Süßkirschen haben die GiSelA-Unterlagen den früher üblichen, groß werdenden Sämling der Vogelkirsche weitgehend abgelöst. So liefert GiSelA 3 etwa kompakte Bäume mit frühen Erträgen.
Birnen werden meist auf Quitten-Unterlagen veredelt, was kleinere, früher tragende Bäume ergibt, etwa die Quitten-Unterlage C (sehr kompakt), Adams (gute Fruchtqualität) oder A (Standardunterlage vieler Birnensorten).

Bei Pflaumen, Zwetschen, Pfirsichen und Nektarinen gilt ein ähnliches Prinzip: schwach wachsende Unterlagen für kompakte Formen (Pixy, Pumiselect), St. Julien A als vielseitiger Mittelweg, GF 655/2 als bewährte Standardunterlage für Pfirsich oder Montclar, die als besonders trockenheitsverträglich gilt.

Im Erwerbsobstbau gilt die Wahl der Unterlage oft als ebenso wichtig wie die Sortenwahl selbst, weil sie über Ertragssicherheit und Pflegeaufwand ganzer Plantagen entscheidet.

Veredelungsstelle soll mindestens 5 cm über dem Boden liegenFoto: zoomingfoto1712/Adobe Stock Die Veredelungsstelle soll mindestens 5 cm über dem Boden liegen und nicht mit Erde bedeckt sein.

Für den Kleingarten lohnt sich dieser Blick genauso. Fragen Sie im Zweifel in Ihrer Baumschule gezielt nach, welche Unterlage zu Ihrem Bodentyp und der verfügbaren Fläche passt, statt sich allein auf den Sortennamen zu verlassen.

Wichtig dabei: Nicht jede Unterlage passt zu jeder Sorte. Veredelungen funktionieren in der Regel nur innerhalb derselben Pflanzengattung, Äpfel also nur auf Apfelunterlagen, Pflaumen und Zwet­schen auf Pflaumenunterlagen. Birnen können hingegen auf Birnen- oder Quittenunterlagen veredelt werden.

Tipps zum Kauf

Die Unterlage sollte auf dem Pflanzenetikett vermerkt sein. Neben dem Sortennamen ist sie die wichtigste Angabe. Achten Sie außerdem auf Hinweise wie „CAC“, den Mindeststandard für Pflanzengesundheit, oder „virusfrei“. Am besten kaufen Sie in einer Baumschule oder einem Fachgartencenter, dort erhalten Sie in der Regel eine kompetente Beratung zur passenden Kombination aus Sorte und Unterlage für Ihren Standort. Die Veredelungsstelle bleibt sichtbar, d.h. eine Krümmung am unteren Stamm ist normal und kein Qualitätsmangel.

Achten Sie beim Kauf auf die Sorte und die UnterlageFoto: romaneau/Adobe Stock Achten Sie beim Kauf auf die Sorte und die Unterlage.

Auch Alter und Anzuchtform spielen eine Rolle. Zweijährige Veredelungen mit einer bereits angelegten Krone aus mindestens vier Trieben sind die gängige Verkaufsgröße für Kleingärten und wachsen zuverlässig an. Wurzelnackte Bäume ohne Topf sind von November bis in den Frühling erhältlich und werden möglichst umgehend gepflanzt. Sie sind meist günstiger und wachsen mindestens ebenso gut an wie Containerware. Bäu­me im Topf können Sie dagegen praktisch das ganze Jahr über pflanzen, sofern der Boden nicht gefroren ist.

Thomas Kleinworth
Bundesfachberater, Geschäftsführer 
und Fachberater des Landesverbandes 
der Kleingartenvereine Schleswig-Holsteins

Veredlungsunterlagen für Apfel

Unterlage

Wuchsstärke

Baumgröße*

Typische Eigenschaften

M27 Sehr schwach ca. 20–30 % Extrem klein, Topf- und Liebhaberkultur
M9 Schwach ca. 30–40 % Standard im Intensivobstbau, früher Ertrag, Stützpfahl nötig
M26 Schwach bis mittel ca. 40–55 % Für Haus- und Kleingärten gut geeignet
MM106 Mittelstark ca. 60–75 % Gute Standfestigkeit, vielseitig
MM111 Mittelstark bis stark ca. 75–85 % Trockenheitsverträglicher, robust
Bittenfelder Sämling Stark ca. 90–100 % Hochstämme, langlebig und standfest

* Baumgröße im Vergleich zu einem stark wachsenden Sämlingsbaum.

 

Veredlungsunterlagen für Kirschen

Unterlage

Wuchsstärke

Baumgröße*

Typische Eigenschaften

Gisela 3 Sehr schwach ca. 30–40 % Sehr kompakt, frühe Erträge, für kleine Gärten
Gisela 5 Schwach ca. 45–55 % Weit verbreitet, früher Ertragsbeginn
Gisela 6 Schwach bis mittel ca. 55–65 % Etwas kräftiger, gute Erträge
Colt Mittelstark ca. 70–80 % Robust, gute Standfestigkeit
MaxMa 14 Mittelstark bis stark ca. 80–90 % Gute Anpassungsfähigkeit und Erträge
Vogelkirsche (Prunus avium) Stark ca. 100 % Hochstämme, sehr langlebig und standfest

* Baumgröße im Vergleich zur stark wachsenden Vogelkirschen-Unterlage.

 

Veredlungsunterlagen für Birnen

Unterlage

Wuchsstärke

Baumgröße*

Typische Eigenschaften

Quitte C Sehr schwach ca. 35–45 % Sehr kompakt, früher Ertrag, gute Gartenform
Quitte Adams Schwach ca. 45–55 % Häufig verwendet, gute Fruchtqualität
Quitte A Schwach bis mittel ca. 55–65 % Standardunterlage für viele Birnensorten
Pyrodwarf Mittelstark ca. 65–75 % Standfest, frühe Erträge, weniger anfällig
Kirchensaller Mostbirne Mittelstark bis stark ca. 80–90 % Robust, für unterschiedliche Standorte geeignet
Birnensämling Stark ca. 100 % Große Hochstämme, langlebig und tiefwurzelnd

* Baumgröße im Vergleich zu einem stark wachsenden Birnensämling.

 

Veredlungsunterlagen für Pfirsich und Nektarine

Unterlage

Wuchsstärke

Baumgröße*

Typische Eigenschaften

Pixy Sehr schwach ca. 35–45 % Kompakter Wuchs, für kleine Gärten geeignet
Pumiselect Schwach ca. 45–55 % Schwachwachsend, früher Ertrag
St. Julien A Mittel ca. 60–75 % Vielseitig, gute Bodenanpassung
GF 655/2 Mittelstark ca. 75–85 % Bewährte Standardunterlage für Pfirsich
Montclar Mittelstark bis stark ca. 85–95 % Kräftiges Wachstum, trockenheitsverträglich
Pfirsichsämling Stark ca. 100 % Tiefwurzelnd, robust und langlebig

* Baumgröße im Vergleich zu einem stark wachsenden Pfirsichsämling.

 

Veredlungsunterlagen für Zwetschen und Pflaumen

Unterlage

Wuchsstärke

Baumgröße*

Typische Eigenschaften

Pixy Sehr schwach ca. 35–45 % Kompakter Wuchs, frühe Erträge, kleine Baumformen
VVA-1 Schwach ca. 45–55 % Frühtragend, gut für kleinere Gärten
St. Julien A Mittel ca. 60–75 % Sehr verbreitet, gute Standortanpassung
Wangenheims Sämling Mittelstark ca. 70–85 % Robust, hohe Verträglichkeit mit Zwetschen
Brompton Mittelstark bis stark ca. 85–95 % Kräftiger Wuchs, für viele Böden geeignet
Myrobalane (Kirschpflaume) Stark ca. 100 % Sehr standfest, trockenheitsverträglich, für Hochstämme

* Baumgröße im Vergleich zu einer stark wachsenden Myrobalanen-Unterlage.

 

Veredlungsunterlagen für Quitten

Unterlage

Wuchsstärke

Baumgröße*

Typische Eigenschaften

Quitte C Sehr schwach ca. 35–45 % Sehr kompakter Wuchs, früher Ertrag, kleine Baumformen
Quitte Adams Schwach ca. 45–55 % Verbesserte Selektion von Quitte A, guter Fruchtansatz
Quitte A Schwach bis mittel ca. 55–65 % Standardunterlage, gute Erträge und breite Verwendung
BA 29 Mittelstark ca. 65–80 % Kräftiger als Quitte A, kalkverträglicher
Quittensämling Mittelstark bis stark ca. 80–90 % Robust, gute Standortanpassung
Quitten-Wildform/Sämling Stark ca. 100 % Große, langlebige Bäume mit kräftigem Wurzelsystem

* Baumgröße im Vergleich zu einer stark wachsenden Quitten-Sämlingsunterlage.