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Die bunte Welt der Fliegen

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HornissenschwebfliegeFoto: Thijs de Graaf/Adobe Stock Tarnung ist alles: Hornissenschwebfliege

Es ist Sommer. Eine harmlos aussehende Stubenfliege setzt sich aufs nackte Bein, doch man hat gerade alle Hände voll zu tun und kann sie nicht verscheuchen. Das schwarze Insekt nutzt die Gunst der Stunde und sticht zu, autsch! Wie kann das sein, sind Stubenfliegen nicht nur mit dem Tupfer sondern mit schmerzenden Skalpell unterwegs sind?

WadenstecherFoto: Henk/Adobe Stock Fiese Fliege: Wadenstecher

In Wahrheit ist das bestechende Tier ein Wadenstecher (Stomoxys calcitrans). Aus der Nähe betrachtet erkennt man den nach vorn gerichteten Stechrüssel, der so ganz anders aussieht als die stempelartigen und damit ungefährlichen Mundwerkzeuge der meisten Fliegen. Gleichberechtigung wird beim Wadenstecher großgeschrieben – Männchen und Weibchen saugen an Menschen oder Tieren. Die Larven entwickeln sich in Kot oder Misthaufen.

Nur die dicken Bremsen, die sich genauso schlecht abschütteln lassen wie die Wadenstecher, sind noch unbeliebter, dafür aber auch schneller als solche zu erkennen. Bei ihnen sind nur die Weibchen auf Blut aus. Viele Bremsen wie die Goldaugenbremse sind ausgesprochen hübsche Tiere mit flaschengrünen, oft gemusterten Augen – doch schaut man sie selten aus der Nähe an.

Das wären auch schon die Schreckgestalten unter den Fliegen. Viele der großäugigen Fliegen, allesamt Zweiflügler (Dipteren), die wie die Mücken stets nur zwei Flügel haben, sind gutmütige Gartengäste, und eine große Zahl ist sogar sehr nützlich.

Schwebfliegen sind harmlos

Schwebfliegen sehen oft aus wie bewaffnete Insekten, indem sie Wespen, Bienen oder Hornissen nachahmen, um Feinde zu täuschen – wie die imposante Hornissenschwebfliege (Volucella zonaria). An den großen Augen und der fehlenden Wespentaille sind sie aber eindeutig zu erkennen. Gern schweben sie auf der Stelle, was der Revierverteidigung und Partnerfindung dient.

Einige Arten paaren sich sogar im Flug. Bei anderen schwebt das Männchen noch längere Zeit nach der Paarung dicht über dem blütenbesuchenden Weibchen, damit bloß kein Rivale eine Chance hat.

Viele, oft wespenartig gefärbte Arten futtern als Larven Blattläuse und machen sich dadurch nützlich. Bei anderen besteht die Kinderstube aus verrottenden Materialien in Misthaufen, Wespen- oder Hummelnestern, nassem Totholz oder Teichen.

NarzissenschwebfliegeFoto: JuergenL/Adobe Stock Narzissenschwebfliege

Es gibt auch Arten, deren Maden in Blättern minieren, wie die wildbienenähnliche Bärlauch-Erzschwebfliege, oder in Narzissenzwiebeln, wie die variabel gefärbte, aber immer hummelähnliche Nar­zissenschwebfliege. Die erwachsenen Schweb­fliegen sind eingefleischte Blütenbesucher und als Bestäuber völlig unterschätzt.

Plüschige Wollschweber

Sehr gut schweben können auch die „fliegenden Plüschtiere“, die Wollschweber. Der häufigste ist der Große Wollschweber (Bombylius major), der schon im Frühjahr seinen langen Rüssel in tiefe Blüten von Wiesen-Schaumkraut, Vergissmeinnicht oder Taubnesseln hält.

Großer WollschweberFoto: Luc Pouliot/Adobe Stock Großer Wollschweber

Wollschweber sind mit Schwebfliegen nicht verwandt und allesamt parasitisch unterwegs. Meist schleudern sie ihre Eier mit Sandkörnchen beschwert und mit Schwung in Wildbienennester. Der Trauerschweber tut dies bei Mauerbienen an der Nisthilfe, der Große Wollschweber bei Sandbienen. Bei einigen Arten sind die Wirte immer noch völlig unbekannt.

TrauerschweberFoto: Schwarzer Ein Trauerschweber ist gerade aus der Niströhre einer Mauerbiene geschlüpft – oben links die abgestreifte Larvenhaut mit den Klauen.

Da Wollschweber einen langen Saugrüssel besitzen und keine beißenden Mundwerkzeuge, hätten sie ein Problem, wenn sie bereits im Wildbienenbau aus der Puppenhülle schlüpfen würden, denn wie sollen sie sich aus dem Boden oder aus einer verschlossenen Bambusröhre nach außen vorarbeiten? Daher haben sie einen Trick auf Lager: Die Puppe ist beweglich und be­sitzt vorn Dornen wie ein Schaufelbag­ger und hinten dicke Borsten. So kann sie sich nach draußen buddeln – erst an der frischen Luft schlüpft die fertige Fliege.

Schillernde Raupenfliegen

Parasitisch unterwegs sind auch die illustren Gestalten der Raupenfliegen. Ihre Larven entwickeln sich in Raupen, Käfern, Wanzen oder anderen Insekten. Zu den Raupenfliegen gehören wichtige Gegenspieler von Frostspannern oder Schwammspinnern. Die stachlige, bunte Igelfliege (Tachina fera) parasitiert Eulenfalterraupen.

Zu den Raupenfliegen gehört auch die wunderschöne Wanzenfliege (Phasia hemiptera), sie befällt Baumwanzen. Ihre invasive Verwandte, Trichopoda pictipennis, befällt immerhin die eingeschleppte Grüne Reiswanze, aber leider auch heimische Arten.

Da die weiblichen Raupenfliegen, anders als Schlupfwespen, keinen Legestachel haben, müssen sie ihre Eier auf den Körper des Wirts legen oder irgendwo in dessen Nähe. Die Larve schlüpft erstaunlich schnell und bohrt sich in ihr Opfer hinein, das den Befall am Ende nicht überlebt. Erwachsene Tiere sind meist auffällig gefärbt und eifrige Blütenbesucher.

Zwielichtige Blasenkopffliegen

Eine andere große Gruppe zwielichtiger Gestalten sind die Blasenkopffliegen. Als fliegende Insekten sind sie auf Blüten anzutreffen, nehmen hier aber nicht nur Nektar auf: Erspähen sie einen ihrer Wirte, meist eine arglose Hummel oder Wespe, legen sie im Flug ein Ei auf ihn. Die Larven fressen den Hinterleib des Wirts aus. Am häufigsten sind die Gemeine Breitstirnblasenkopffliege (Sicus fer­rugineus) und die Buckelblasenkopffliege (Myopa testacea), die mit ihrem gekrümmten Hinterleib beide wie ein wegelagernder Quasimodo erscheinen und auf Hummeln oder andere Hautflügler lauern.

Gemeine BreitstirnblasenkopffliegeFoto: Christian Musat/Adobe Stock Gemeine Breitstirnblasenkopffliege

Raubfliegen sind schnelle Jäger

Die Libellen unter den Fliegen sind die Raubfliegen. Entsprechend fantasievoll sind ihre Namen, von Mord- über Habichts- bis hin zu den Wolfsfliegen. Viele sind recht groß, stark behaart und tragen einen Bart über dem Stechrüssel, den sie ausschließlich bei erbeuteten Insekten anwenden.

Die Tiere sitzen gern auf Baumstämmen oder anderen Sitzwarten und lauern auf vorbeikommende Beute. Mit ihren großen Augen peilen sie sie an und fangen sie im Flug. Dann wird das Insekt, oft ein Käfer, eine Biene oder Fliege, ausgesaugt. Die Mundwerkzeuge bei einigen Arten sind so kräftig, dass sie auch die Flügeldecken von Käfern durchbohren können.

RaubfliegeFoto: Luc Pouliot/Adobe Stock Raubfliege mit fetter Beute

Die Larven der Raubfliegen sind ebenfalls karnivor unterwegs und leben in Totholz, Dung oder im Boden. Viele Arten sind gefährdet, wie die Hornissen-Raubfliege, die unter Entwurmungsmitteln bei Weidetieren genauso leidet wie ihre Beute, die Mistkäfer.

Metallisch grüne Langbeinfliegen

Ein kleinerer Räuber und auch im Garten häufig anzutreffen, wenn es einen Teich oder auch nur eine winzige Wasserstelle gibt, ist die Grüne Langbeinfliege (Poecilobothrus nobilitatus). Beide Geschlechter sind grün metallisch gefärbt, das Männchen hat zusätzlich dunkle Flecken auf den Flügeln, mit denen es bei der Balz winkende Bewegungen aufführt. Die hübschen Tiere sind nützlich, da sie Mückenlarven aus dem Wasser fangen und verspeisen. Ihre Larven tun dies ebenfalls, aber unter Wasser.

Grazile Tanzfliegen

Gute und nützliche Räuber sind die schlanken Tanzfliegen. Eine der häufigsten Arten ist die Helle Tanzfliege (Empis livida). Mit ihrem langen Rüssel saugt sie ihre Insektenbeute aus, zeigt sich aber auch als Blütenbesucherin, z.B. auf Doldenblüten. Das Männchen bringt dem Weibchen ein Brautgeschenk in Form eines eigenhändig gefangenen Insekts, dann darf es sich mit der Auserwählten paaren. Die räuberischen Larven leben im Boden oder in der Laubstreu.

Grazile TanzfliegeFoto: Colorful Soul/Adobe Stock Grazile Tanzfliege

Überhaupt ist das Herbstlaub Lebensraum vieler Fliegen oder ihrer Larven. Die asselähnlichen, breiten Larven der Waffen- oder Lanzenfliegen bauen die Blätter zu Humus ab und freuen sich, wenn das Falllaub liegen bleiben darf. Auch eine nahe Verwandte der immer etwas lästigen Kleinen Stubenfliege, die im Deutschen nicht benannte Art Fannia lustrator, lebt den Winter über als borstige Larve im Laub und macht sich hier nützlich.

Unbeliebte Tatortreiniger

Obwohl die Kleine Stubenfliege genauso wie die Fleisch-, Schmeiß- oder Goldfliege nicht die beliebtesten Insekten in Haus und Garten sind, spielen sie doch eine große Rolle bei der Beseitigung von Aas oder Abfällen. So haben sie nicht nur einen Job als „Tatortreiniger“, sondern sogar in der Forensik, wenn es um die Datierung von Leichenfunden geht. Die Graue Fleischfliege (Sarcophaga carnaria) fällt hier aus dem Rahmen, da ihre Larven sich in Regenwürmern entwickeln, weshalb sie im Garten meist in Bodennähe herumlungert.

GoldfliegeFoto: Robert Schneider/Adobe Stock Goldfliege

Einige kleinere Verwandte, die Trabantenfliegen, machen sich bei Grabwespen unbeliebt: Sie folgen dem arglosen Wespenweibchen bis ins Nest und legen selbst ein Ei an deren Beute – die zu den Fleischfliegen gehörende Art (Metopia argyrocephala) gebärt sogar schon geschlüpfte Larven, die erst das Ei der Wirtin, dann deren Larvenproviant auffuttern.

Manche leben vegetarisch

WalnussfruchtfliegeFoto: Tomasz/Adobe Stock Lebt vegetarisch: Walnussfruchtfliege Ganz an das Leben an und in Pflanzen angepasst haben sich nicht nur die unscheinbaren und kleinen Minierfliegen, sondern auch die große Gilde der Bohrfliegen. Ihre Maden leben in Pflanzenteilen. Als Schädling in Kirschen verdingt sich die Kirschfruchtfliege (Rha­goletis cerasi). Die aus Nordamerika eingeschleppte Walnussfruchtfliege (Rhagoletis completa) kann uns die Walnüsse madig machen. Andere häufige Bohrfliegen leben in Gänsedisteln, Weißdorn oder Spargel, bei vielen fällt ihre Tätigkeit kaum auf.

Ob nützlich, lästig oder schädlich: Fliegen besetzen eine Vielzahl ökologischer Nischen, sind oft gute Bestäuber und als Beute von Spinnen, Vögeln, Fledermäusen oder anderen Insekten unersetzlich für das Ökosystem – und nur die wenigsten Arten zapfen uns Blut ab!

Elke Schwarzer
Diplom-Biologin