- Gartenpflege
Schnitt mit Augenmaß
Foto: Verlag W. Wächter
Viele Parzellen werden durch alte Obstbäume geprägt.
Bevor wir das Wachstum eines Obstbaumes durch Schnitt korrigieren können, sollten wir wissen, wie ein Baum lebt und wächst. Denn die beste Lehrmeisterin ist die Natur selbst – keine Erklärung kommt an die Erfahrungen heran, die wir mit den Pflanzen selbst machen. Ein guter Weg, sich dieses Wissen anzueignen, ist, einen jungen Obstbaum von Anfang an zu begleiten und zu beobachten: Welche Äste wachsen, und an welchen bilden sich Früchte? Der Baum wächst langsam und stetig, während unsere Erfahrung mitwächst.
Im Gegensatz zu Wildobst brauchen Kultur-Obstbäume regelmäßige Pflegeschnitte, weil die Züchtung bzw. die Kultivierung die Vitalität des Baumes erheblich mindert. Zudem verursacht die hohe Fruchtlast strukturelle Fehlentwicklungen im Aufbau der Krone, der sogenannten Asthierarchie. Die Vitalität zeigt sich in einem ausreichenden jährlichen Neuaustrieb. Eine gute Asthierarchie zeigt sich durch gleichstarke Astpartien und geringe Konkurrenz untereinander.
Bestandsaufnahme ist wichtig
Bevor wir zur Schere oder Säge greifen, stellen sich folgende Fragen:
- Wie ist der Istzustand des Baumes, etwa Vitalität, Verletzungen, Struktur der Krone?
- Was ist das Pflegeziel?
- Welche Wachstumsgesetze bestimmen den Baum?
- Wie reagiert der Baum auf meine Maßnahmen?
- Wie kann ich negative Folgen meiner Schnittmaßnahmen minimieren?
Bei einem Jungbaum steht ein einziges Ziel im Fokus: Der Aufbau einer langlebigen und tragfähigen Krone. Das macht es uns einfacher, ihn zu begleiten.
Foto: natalialeb/Adobe Stock
Abstand und Überblick helfen dabei, die richtigen Schnittstellen zu finden.
Bei einem Altbaum rücken je nach Baumzustand unterschiedliche Pflegeziele in den Vordergrund. Hat ein Altbaum aufgrund eines fachgerechten Erziehungsschnitts und guter Pflege eine gut aufgebaute Krone und ausreichend Vitalität, dann braucht er nur einen Erhaltungsschnitt. Dieser erfolgt vor allem durch Entnahme von altem, abgetragenem Fruchtholz.
Gibt es in der Krone Beeinträchtigungen in der Statik oder durch konkurrierendes Astwachstum, dann sprechen wir von einem Erneuerungsschnitt, und stärkere Schnittmaßnahmen werden notwendig.
Eine bestimmte Kronenform spielt bei alten Obstbäumen keine Rolle mehr, weil die prägenden Äste der Krone zu dick sind und nicht mehr schadensfrei entnommen werden können. Was der Krone aber immer guttut, ist eine Stammverlängerung, die den höchsten Punkt bzw. die höchste Knospe bildet. Ist dies nicht der Fall, sorgen wir dort für entsprechendes Wachstum und entfernen die Konkurrenztriebe in der Kronenspitze.
1) Gesunder Baum mit gut aufgebauter Krone
Wir haben es mit einem schönen in die Jahre gekommenen Exemplar eines Apfel- oder Birnbaumes zu tun, mit gesundem Stamm und gut verteilten starken Gerüstästen und ausreichender Vitalität (ca. 10–20 cm Neutrieb pro Jahr).
Grafik: Faltermayr
Fruchtholzrotation
Nach eingehender Betrachtung des Baumes identifizieren wir die „Problemzonen“. Aus den Bereichen mit zu dichten Ästen entfernen wir großzügig das hängende Fruchtholz, denn alle hängenden Äste sterben bald ab. Dabei verbleibt auf jedem Seitenast neben einigen Fruchtästen – denn wir wollen ja noch Obst ernten – ein Neutrieb, der am besten im 45°-Winkel nach oben wächst. Dieser Trieb sorgt in den nächsten Jahren für Fruchtholznachschub. Das Verfahren heißt Fruchtholzrotation.
Haben wir Bereiche, die verkahlen und zu wenig Fruchtholz aufweisen, entnehmen wir nur wenig hängendes Fruchtholz und sorgen zusätzlich durch Kürzen („Anschneiden“) der aufrecht wachsenden Neutriebe für eine lokale Vitalisierung. Dadurch treiben die oberen Knospen aus und bilden neue Triebe, je mehr wir wegschneiden, desto stärker. Die Intensität der Maßnahmen richtet sich nach dem Bedarf in den einzelnen Bereichen unter Vermeidung einer zu starken Gegenreaktion durch Neuaustrieb.
2) Vergreister Baum
Die o.g. Schnittmaßnahmen wenden wir auch bei einem Baum an, der lange nicht geschnitten wurde und in den vorherigen Jahren kaum Neutriebe gebildet hat, also vergreist ist. In dem Fall beschränken wir uns auf wenige kleine Schnitte im gesamten Kronenbereich. Wir wollen erst mal herausfinden, ob in ihm noch genügend Lebenskraft für eine Erneuerung steckt.
Jeder Baum hat seine individuelle, genetisch festgelegte und auch von der Unterlage beeinflusste Baumgröße. Wenn wir in der vegetationsfreien Zeit, also im Spätherbst/Winter schneiden, führt jede Entnahme zu einem Ausgleichswachstum im folgenden Jahr. Ein starker Schnitt führt also zu einem starken Neuaustrieb.
Foto: encierro/Adobe Stock
Erst in Ruhe schauen, dann gezielt schneiden.
Unser Ziel ist aber ein angemessener Neuaustrieb und keine „Besenbildung“, eine Vielzahl miteinander konkurrierender Äste, die im folgenden Jahr entfernt werden müssen.
Hier zeigt sich ein wichtiges Wachstumsgesetz: Je mehr Blätter ein Ast hat, desto stärker ist die Neutriebbildung mit noch mehr Blättern. Indem wir die Blattmasse der Äste durch Entnahme von Ästen oder Triebanschnitt steuern, halten wir die Krone im Gleichgewicht – unser wichtigstes Steuerinstrument beim Altbaum.
3) Baum mit Problemen in der Kronenstruktur
Haben wir nun eine Krone mit strukturellen Beeinträchtigungen, etwa Astbruchgefahr durch eine extrem ungleiche Krone mit stark ausladenden Astpartien, braucht es Fingerspitzengefühl. Denn hier kommt verstärkt die Säge zum Einsatz – und damit laufen wir Gefahr, dem Baum unheilbare Wunden zuzufügen. In diesem Fall müssen wir selbstkritisch unsere Vorstellung einer Wunschkrone hinterfragen und die Baumgesundheit in den Vordergrund stellen.
Man kann es nicht oft genug hören: Die meisten Kernobstbäume schotten Wunden weniger gut ab, die meisten Steinobstbäume sogar schlecht. Bedingt durch die geringe innere und äußere Abschottung (CODIT-Prinzip, siehe Kasten) ist der Baum schlecht gegen die Angriffe von Pilzen oder anderen Krankheitskeimen gewappnet. Damit die Schadlebewesen das Lebensalter des Baumes nicht erheblich herabsetzen, braucht es eine gute Schnittführung und möglichst kleine Wunden (< 5–8 cm), die der Baum schnell schließen kann.
Foto: malshak_off/Adobe Stock
CODIT-Prinzip
Das CODIT-Prinzip beschreibt einen Prozess, der Bäume befähigt, eine Beschädigung und Fäule abzuschotten. Dabei wird im Stamm oder Ast eine innere Barriere ausgebildet, während von außen die offene Wunde überwallt wird. Eine nicht geschlossene Wunde wird den Baum zeitlebens schwächen.
Das hat Einfluss auf den Schnittzeitpunkt: Steht die Wundheilung im Vordergrund, ist ein Sommerschnitt empfehlenswert, da ein Winterschnitt die Wundheilung beeinträchtigt.
Bevor wir also einen starken problematischen Ast am Stamm entfernen, suchen wir besser im Kronenaußenbereich geeignete Stellen, an denen wir mehrere kleine Schnitte ausführen können. Und dabei ist eine gute Schnittführung von ausschlaggebender Bedeutung. Um die richtigen Schnittstellen herauszufinden braucht es zwischendurch immer wieder mal den Überblick vom Boden aus.
Darauf sollten wir beim Schnitt achten:
- Schnitt auf Astring (siehe Grafik), ein kleiner Wulst bleibt stehen
- Der Wunddurchmesser sollte möglichst klein sein und maximal 50 % des tragenden Ast- oder Stammdurchmessers betragen
- Schwere Astpartien werden mit einem Entlastungsschnitt in drei Schritten (siehe Grafik) entfernt, damit ein ausbrechender Ast keine zusätzliche Rindenwunde reißen kann
- An einer Astverzweigung schneiden, bei der der verbleibene Ast ausreichend groß ist, damit kein absterbender Stummel verbleibt und die Wunde versorgt wird
- Kappungen kommen nicht infrage
- Es sollten nicht mehrere Wunden nah beieinanderliegen
Grafiken: Faltermayr
Schnitt auf Astring (l.) – Schnitt starker Äste in drei Schritten (r.)
Nach getanem Werk betrachten wir den Baum noch einmal ausgiebig. Auch wenn es nötig ist, Obstbäume regelmäßig zu schneiden, so ist es doch ein verletzender Eingriff. Dessen sollten wir uns bewusst sein und so behutsam wie möglich schneiden.
Nicht abschrecken lassen
Der Schnitt von Obstbäumen ist ein komplexes Thema und lässt sich nicht in kurzer Zeit erlernen. Daher ist es nachvollziehbar, dass vor allem Gartenneulinge davon oft verunsichert sind.
Schauen Sie am besten, ob es in Ihrer Umgebung eine Gruppe Obstbauminteressierter mit Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch gibt, oder initiieren Sie so eine Gruppe. Machen Sie einen Schnittkurs zur Jungbaumerziehung und anschließend einen zum Altbaumschnitt.
Ich wünsche Ihnen eine lange, fruchtbare Obstbaumbeziehung mit vielen erfreulichen Erfahrungen!
Stephan Schumacher
Diplom-Biologe und Mitglied im Pomologen-Verein
(Schleswig-Holstein/Hamburg)